Nur noch kurz den Elektrozaun öffnen und schon stehen die Teilnehmer der Fledermausführung inmitten des historischen Waldweidegebiets der Neuweiler Viehweide. Vor einigen Jahren war die Fläche noch von meterhohen Sträuchern und Naturverjüngung bedeckt, bis Forstrevierleiter Walter Langer sich für eine Umwandlung zurück zur Waldweide einsetzte. Jetzt kann der Spaziergänger an so manchem Sommertag Pferde und Ziegen beobachten, die friedlich grasen und dabei die Fläche auf Dauer offen halten.
Bis zu 400 Jahre alte Eichen prägen das sechs Hektar große Areal. Die knorrigen Baumriesen sind mit Höhlen durchzogen, in denen sie Wohnraum für zahlreiche Lebewesen bieten. So auch für die Fledermäuse im Sommer. Selbst tiefe Höhlen in dicken Bäumen sind aber nur für wenige Fledermausarten als Winterquartier geeignet.
Ewald Müller verbringt fast jeden Tag mehrere Stunden im Wald und ist besonders stolz darauf, dass er mit seinen Mitarbeitern 16 der 20 in Baden-Württemberg vorkommenden Fledermausarten im Schönbuch nachweisen konnte.
Walter Langer reicht den jüngeren Gästen ein Plüsch-Modell einer Fledermaus. "Seht ihr die Flügel? Wenn man genau hinschaut, sieht es aus wie eine Hand. Bis auf den Daumen sind aber alle Finger stark verlängert", zeigt Ewald Müller. Neben der besonderen Anatomie zeigen Fledermäuse auch ein besonderes Jagdverhalten: "Fledermäuse jagen mit Ultraschalllauten. Sie stoßen Rufe in hohen Frequenzen aus, und wenn diese beispielsweise auf ein Insekt stoßen, können sie diese als eine Art "Hör-Bild" erkennen. Für Menschen sind diese Rufe aber nur mit Hilfe eines Fledermaus-Detektors hörbar. Dieser wandelt die Ultraschallrufe in niedrigere Frequenzen um", erklärt er.
Nächste Station ist der kleine See am Faulbach. Der Fledermausdetektor steht auf Empfang. Immer wieder ist ein leises Rauschen zu hören, aber Fledermäuse sind nicht zu sehen. Mittlerweile berichtet Ewald Müller, wie eigentlich Fledermäuse geboren werden: "Bei Fledermäusen gibt es Wochenstuben, es sammeln sich also die Weibchen, um gemeinsam ihre Jungen aufzuziehen. Allerdings bekommen nur ungefähr zwei Drittel ein Jungtier. Zwillinge oder gar Drillinge sind sehr selten. Die Geburt an sich findet im Hängen statt und das Muttertier macht dabei Gebrauch von der Schwanzflughaut. Diese wird entsprechend gewölbt, um das Jungtier aufzufangen".
Als kleine Entschädigung, dass dort keine jagenden Fledermäuse beobachtet werden konnten, gibt es dann eben Gummibärchen in Fledermausform.
Doch natürlich haben die Experten noch einen Ort auf Lager: Der Rohrwiesensee. Mit Taschen- und Stirnlampen ausgestattet finden die Teilnehmer zu dem in Schilf und Wiesen eingebetteten Anglersee. Hier erreichen nun endlich Rufe von Fledermäusen den Detektor. Es sind schnelle, abgehackte Laute, die sich wie eine Mischung aus Klicken und Knattern anhören. Wer in den nachtblauen Himmel schaut, kann sogar die Silhouette des einen oder anderen Geräusch-Verursachers sehen. Mit den Taschenlampen den Fledermäusen hinterher zu leuchten stellt sich für die Teilnehmer als gar nicht so einfach heraus - die sind nämlich flinke Nachtjäger!
Dabei sind die Tiere nicht nur schnell, sondern auch ziemlich gefräßig. "Die Zwergfledermaus fängt pro Nacht über 1000 Mücken, sie muss nämlich ein Drittel ihres Körpergewichts aufnehmen, damit sie überlebt. Ein Großes Mausohr dagegen hat einen Bedarf an 30 bis 40 Käfern pro Nacht", erzählt Müller. "Dass die Nahrung so unterschiedlich ist, geht auf das Konkurrenzausschlussprinzip zurück: Es können nur deshalb so viele Fledermausarten an einem Ort zusammen leben, weil sie sich in ihren Lebensgrundlagen unterscheiden. Manche Arten jagen nur wenige Zentimeter über dem Boden, andere über den Baumkronen. Gejagt wird mit unterschiedlichen Frequenzen, und auch hinsichtlich des Lebensraums hat jede Art ihre individuelle Nische besetzt. So konkurrieren sie nicht miteinander", fügt er hinzu.
Gegen 23 Uhr wird es dann auch wieder ruhiger über dem Rohrwiesensee - Zeit für die Teilnehmer, ihre Expedition bei den Fledermäusen abzuschließen und zurückzukehren.
Von Julia Glaser








