Das Schaichtal

Wenn heutzutage Radfahrer, Läufer, Wanderer oder Familien mit Bollerwagen durch das Schaichtal streifen, kommt wohl niemandem in den Sinn, dass das idyllische Tal ernsthaft in Gefahr war.

Im Mai 1978 überflutete ein verheerendes Hochwasser große Teile der Stadt Aichtal. Unter dem Einfluss dieses Ereignisses wurde der Wasserverband Aich gegründet, der Pläne für einen besseren Hochwasserschutz entwarf und umsetzen sollte. Insgesamt sollte das Hab und Gut der Bürgerschaft in den betroffenen Gemeinden durch das Anlegen von drei Regenrückhaltebecken geschützt werden. Die beiden Rückhaltebecken im Sulz- und Segelbachtal wurden auch zeitnah angelegt. Doch beim geplanten Rückhaltebecken im Schaichtal regte sich Widerstand.

Am 27. Juni 1984 trafen sich über 300 Bürgerinnen und Bürger, um die Initiative „Rettet das Schaichtal“ zu gründen. Versammlungsort war das Sportheim Neuenhaus, das aus allen Nähten platzte. Der Bürgerprotest richtete sich gegen den geplanten 14 Meter hohen Damm bei Neuenhaus, der das Schaichtal wohl auf einer Länge von 8 Kilometern überflutet hätte. Gerhard Jakob, einer der Hauptinitiatoren, führte aus, dass der Schönbuch im Allgemeinen und das Schaichtal im Besonderen, schon mehrmals Gefahr gelaufen seien, durch Eingriffe zerstört oder doch stark beeinträchtigt zu werden. So sei das Schaichtal schon einmal als Standort für Raketenversuchsanlagen und als Wasserspeicher zur Wassererhöhung des Neckars in Niedrigwasserzeiten im Gespräch gewesen. Und der geplante Flugplatz bei Walddorf hätte den Schönbuch in zwei Restflächen ohne nennenswerten Erholungswert geteilt. Alle diese Pläne seien gescheitert, weil sich letzten Endes die Vernunft durchgesetzt habe. Auch beim geplanten Hochwasserrückhaltebecken im Schaichtal hoffe man dies.

Mit viel Engagement und wissenschaftlicher Unterstützung wurde die Einmaligkeit und Schutzwürdigkeit des Schaichtals herausgearbeitet. Eine studentische Gruppe untersuchte beispielsweise das Schaichtal und veröffentlichte die Ergebnisse im Buch „Schaichtal - Lebensraum Bachaue, Ökologie aktuell 2“ (Ade, Blitschen, Bretzinger, Fürst, Halm, Hertenstein u.a.; Verlag Josef Margraf, Stuttgart, 1985). Dabei gelangen mehrere Sensationsfunde an schon lange ausgestorbenen geglaubten Tier- und Pflanzenarten. Um noch mehr Druck auf die Politik auszuüben, sammelte die Initiative über 10.000 Unterschriften gegen den Damm und legte sie dem Landtag von Baden-Württemberg in Stuttgart vor. Friedhelm Zill, einer der Sprecher der BI, versäumte nicht, den politischen Wert dieser Unterschriften hervorzuheben: „Viele Mitbürger spürten bei der Bedrohung ihres Lebensraumes, dass nicht länger geschwiegen werden darf. Sie führten Diskussionen mit Menschen, mit denen sie zuvor keine Berührungspunkte hatten; und was dabei passierte, ist wichtig: Das Gespräch schlägt Brücken. Menschen, ob jung oder alt, lernen, sich anzuhören und auszutauschen. Die Meinungsbildung findet in einer Form statt, die erstrebenswert ist. Bürgernahe Politik durch die Bürger selbst! Engagierte Bürger, die sich mit ihrer Gemeinde identifizieren.“

Die Bemühungen von „Rettet das Schaichtal“ zeigten Früchte. Nur ein knappes Jahr später teilte der damalige Verbandsvorsitzende des Wasserverbands Aich, Landrat Dr. Rainer Heeb, mit, dass die Pläne für einen Hochwasserrückhaltedamm endgültig zu den Akten gelegt würden, auch nachdem Regierungspräsident Manfred Bulling signalisiert hatte, ein etwaiges Baugesuch des Wasserverbands würde von seiner Behörde keine Genehmigung erhalten.

Den Initiatoren war es wichtig, das Schaichtal als Idyll zu retten und den Menschen als schützenswerten Rückzugsort zu erhalten. Gerade für Breitensportler (Rad-, Wander- und Laufsport) war und ist das Schaichtal immer ein Geheimtipp. Neben dem Schönbuchmarathon von Leinfelden-Echterdingen bis Dettenhausen, entstand aus einer Wette heraus der Internationale Neuenhäuser Lederhosenlauf, der große Beachtung über die Grenzen Neuenhaus hinaus in den Medien fand. Alle Teilnehmenden mussten in Lederhosen auf die Strecke von Neuenhaus nach Dettenhausen durch das Schaichtal und wieder zurück, insgesamt gute 20 Kilometer. Die Teilnehmerzahl steigerte sich kontinuierlich; die Reinerlöse gingen an soziale Einrichtungen, zuletzt an die BI „Rettet das Schaichtal“. Besonders schmunzeln muss Initiator Reinhard Mielke auch heute noch, wenn er daran denkt, dass „seine“ Lederhosenläufe es sogar ins Fernsehen, Rundfunk, Tageszeitungen und u.a. in die BILD-Zeitung schafften und ihm einen persönlichen Dankesbrief vom damaligen Bayrischen Ministerpräsidenten Franz-Josef Strauss bescherten.
In diesen Veranstaltungen bereits zeigte sich, welch enge Verbindung zwischen Breitensportlern und ihrem Terrain, dem herrlichen Wald im Naturpark Schönbuch, bestand und besteht.

1995 erfolgte die Ausweisung des Schaichtals zum Naturschutzgebiet.

2004 wurde zum 20-jährigen Bestehen der Initiative „Rettet das Schaichtal“ auf dem Wanderparkplatz bei Neuenhaus ein Gedenkstein errichtet, der an einen der spektakulärsten Erfolge des Naturschutzes der letzten Jahrzehnte erinnern und als Vermächtnis an die nachfolgende Generation dienen soll, sich gegen die Zerstörung unserer Umwelt zu wehren. Dieses Anliegen ist heute aktueller denn je.

Da der Zahn der Zeit seine Spuren am Schild beim Gedenkstein hinterließ, mußte es 2022 erneuert werden. Der Förderverein Naturpark Schönbuch e.V. übernimmt in dankenswerter Weise die Kosten und Wartung.

Zur Erinnerung an den spektakulären Erfolg des Naturschutzes müssen genannt werden:

  • Gerhard JAKOB: Mitglied in verschiedenen Naturschutzvereinigungen, Initiator der Gründungsversammlung der BI „Rettet das Schaichtal“, und unermüdlicher Anwalt des Naturschutzes an allen Fronten;
  • Eberhard KLEIN: Revierförster, der demonstrierte, dass Förstersein mehr bedeutet als Wirtschaftspläne zur Waldbewirtschaftung zu erarbeiten;
  • NÜRTINGER ZEITUNG: Redakteure Jürgen GERRMANN und Wolfgang FRITZ, ohne die der Schutz des Schaichtals keine überregionale Bedeutung erreicht hätte;
  • BÜRGERINITIATIVE „Rettet das Schaichtal“ mit ihrem engagierten Sprecherrat und den vielen örtlichen und überörtlichen Helfern.