Bebenhausen entging im Sommer 1944 nur knapp einer Katastrophe
Der Flugzeugabsturz am 29. Juli 1944
Im Sommer 1944 war der Bombenkrieg in Deutschland in vollem Gang. Täglich starteten auf britischen Luftwaffenstützpunkten Bomberverbände, um Ziele in Deutschland anzugreifen. Die deutsche Flugabwehr war schon erheblich geschwächt, sodass sich die Bombardierungen immer verheerender auswirkten.
Am 28. Juli 1944 wurden auf dem britischen Stützpunkt Spitsby wieder Bomberverbände zusammengestellt und mit ihrer todbringenden Fracht beladen, die sie in der darauf folgenden Nacht über deutschen Zielen abwerfen sollten: 494 Flugzeuge vom Typ Lancaster und 2 Mosquitoes. 22 dieser Maschinen waren für einen Angriff auf Stuttgart eingeteilt und im Wetterbericht für die Piloten hieß es: Fair in morning, becoming fine. Visibility fair(Gut am Morgen, es wird schön. GuteSicht.).
Zu dem Angriff, der in der Nacht auf den 29. Juli auf Stuttgart erfolgte, lesen wir im britischen Einsatzbericht: Bombing was well concentrated on the markers which were felt to be North of the timing point. Three groups of fires were reported 100 m apart, three large explosions were also reported. Many parts of the old city are completely devastated. The main railway station being severely damaged… (Die Bombardierung war gut konzentriert innerhalb der Markierung. Es wurden drei Brandherde gemeldet und drei starke Explosionen. Viele Teile der Altstadt wurden vollständig zerstört. Der Hauptbahn-hof wurde schwer getroffen).
Bei diesem schweren Angriff auf Stuttgart wurden von der deutschen Flugabwehr 8 der 22 Lancaster-Maschinen abgeschossen und eine dieser Maschinen raste, von Osten her kommend, mit ihrer gesamten Bombenladung in geringer Höhe brennend über Bebenhausen hinweg und zerschellte auf der Fohlenweide. Durch die starke Druckwelle zerbarsten am damaligen Forstamt (ehemaliges Abtsgebäude) und anderen Gebäuden Fensterscheiben und das große Glasfenster des Dormitoriums wurde ganz zerstört.
In dem Absturzbericht der britischen Luftwaffe heißt es dazu: The aircraft crashed at Bebenhausen at 0230 hours on July 29th 1944 and all the members of the crew lost their lives (Das Flugzeug zerschellte bei Bebenhausen um 2.30 Uhr am 29. Juli 1944 und alle Besatzungsmitglieder verloren ihr Leben).
Im Einsatzbericht des deutschen Nachtfluggeschwaders 6 liest sich der Abschuss der Maschine so: Ab 23.15 Einflug eines starken Kampfverbandes von 400-500 Flugzeugen in die Seinemündung. Weiterflug über Chartres-Troyes-Epinal auf breiter Front bis in den Raum Stuttgart. Masse des Feindes flog zwischen Strassburg und Saarbrücken ein, was durch Gerätemeldungen nicht erkannt wurde… Erfolge: 8. 02.08 Uhr, Lancaster, Einflug, 5400 m, Raum Stuttgart, Bf 110 2Z+ICH. FF Fw Bahr, BF Uffz Rehmer, BS Uffz Riediger 1.NJG 6.
Alle sieben Besatzungsmitglieder der Lancaster-Maschine fanden beim Absturz auf der Fohlenweide den Tod:
Kenneth Marshall, 24 Jahre alt, Sohn von George Edwin und Mary Marshall, Carnoustie, Angus
Kenneth Roberts, 24 Jahre alt, Sohn von Robert und Margaret Alice Roberts, Penmaenmawr, Caerbavonshire
Rolf Arthur Chetney, 22 Jahre alt, Sohn von Ole und Karen Chetney, Groundbirch BC, Kanada
Edwin Peel, 25 Jahre alt, Sohn von William und Clara Martha Peel, Mirfield, Yorkshire
James Sidney Gordon, 21 Jahre alt, Sohn von James und Nellie Gordon, Leek, Staffordshire
George Frederick Ennals, 22 Jahre alt, Sohn von George William und Ivy Julia Ennals, Nottingham, London
Ivor James Morris, 21 Jahre alt, Sohn von James Leonard und Clara Ann Morris, Liandrindodwells.
Die sterblichen Überreste der jungen Männer wurden in den Tagen nach dem Absturz unter Aufsicht eines deutschen Luftwaffenoffiziers vom Bebenhäuser Bürgermeister Karl Volle und Helfern aus dem Dorf geborgen und auf dem Dorffriedhof bestattet. Im Sommer 1948 wurden die Toten exhumiert und am 20. August 1948 auf dem Durnbach War Cemetery bei Bad Tölz bestattet. Von den Toten konnte lediglich Flight Lieutenant Kenneth Marshall einwandfrei identifiziert werden, er ruht auf dem Friedhof in Durnbach in Grab Nr. 31 (Bereich C, Reihe 8). Die anderen sechs Toten ruhen neben ihrem Kameraden in einem Gemeinschaftsgrab (Nr. 8, C 32 bis 35).
Ein Räumkommando beseitigte damals nur die größeren Wrackteile der Lancaster-Maschine. Und so war die Absturzstelle auf der Fohlenweide nach dem Krieg noch jahrelang das Ziel von Bebenhäuser Jugendlichen. Dort fanden sie, in weitem Umkreis verstreut, immer noch Kleinteile des Flugzeugs und mitunter sogar Teile aus dem Cockpit.
Im Juni 2002 begleiteten der damalige Bebenhäuser Ortsvorsteher Rainer Pohl und der Verfasser Hobbyforscher zur Absturzstelle, um nach weiteren Wrackteilen zu suchen. In geringer Bodentiefe fand das Team eine ganze Reihe von Kleinteilen, die gesäubert und im Rathaus Bebenhausen eingelagert wurden.
Hans Haug
Für ihre Mitarbeit danke ich Mrs. Barbara Wilson von der Commonwealth War Grave Commission.
Quellen
Ortsarchiv Bebenhausen
Commonwealth War Grave Commission
Archiv Hans Haug
Bildnachweis
Commonwealth War Grave Commision (1,2)
Rainer Pohl (3)






