Waldweide im Stadtwald Herrenberg

Galloway-Rinder im Einsatz für seltene lichtliebende Arten

Seit Mitte Juni 2019 verbringen Galloway-Rinder der Schloßberg-Rind GbR die Sommer auf der Waldweide am „Sauhägle“ im Stadtwald Herrenberg. Zum Start wurde aufgeräumt: Bei einer Landschaftspflegeaktion haben Ende Oktober 2018 viele fleißige Helfer vorbereitende Arbeiten für die Waldweide im Stadtwald Herrenberg durchgeführt, damit die Fläche von den Rindern besser begangen werden kann, und das Gras und die krautigen Pflanzen gut wachsen können. 2023 wurde die Fläche bei einer weiteren Landschaftspflegeaktion von 7 auf 8,5 Hektar erweitert. Seitdem ist es an den Rindern, die von einem solargespeisten Elektro-Zaun umgebene Fläche offen zu halten. Seit 2023 werden sie dabei von Ziegen unterstützt.
An drei Tränkteichen und am Sommerbach, der unterhalb der Freßeiche durch die Waldweide fließt, können die Rinder ihren Durst stillen. Scheinbar fühlen sie sich im Weidewald sehr wohl und genießen ihren sommerlichen Aufenthalt im Naturpark Schönbuch. Zugefüttert wird in der Waldweide nicht. Für gewöhnlich wird im September die Nahrung langsam knapp, und die Rinder verlassen die Fläche bis zum nächsten Frühling.

Historisch bedeutende Waldnutzungsform

Die Galloways machen in den Sommermonaten eine historisch bedeutende Waldnutzungsform für die Besucher des Naturparks Schönbuchs sichtbar und erlebbar. In der Ortschronik von Gültstein, herausgegeben anlässlich des 1.250-jährigen Jubiläums von Gültstein, wird die historische Bedeutung der Waldweide an mehreren Stellen ausgiebig beschrieben. Über einen langen Zeitraum hinweg war die Waldweide für Mensch und Tier eine prägende Waldnutzugsform. Wie wir aus forstgeschichtlichen Dokumenten wissen, gab es im Jahr 1714 im Schönbuch (ohne den Bebenhäuser Klosterwald) 15.046 Stück Weidevieh in 117 Herden.
Ab dem 19. Jahrhundert wurden Waldnutzung und Weide strikt getrennt. Seitdem wurden die Wälder deutlich dunkler, und viele lichtliebende Arten verschwanden aus der Landschaft. Mit den großen Weidetieren verschwand auch eine wichtige Futterquelle: Der unbelastete Dung der Tiere dient einer Vielzahl von Insekten als Kinderstube. Von diesem Insektenreichtum profitieren wiederum Insektenfresser wie Vögel und Fledermäuse. Heute entdecken wir die Waldweide als Instrument für den Artenschutz wieder.

Lebensraum für seltene lichtliebende Tiere und Pflanzen

Auf der kleinen Weidefläche entsteht nun wieder ein lichter Weidewald, der selten gewordenen Tieren und Pflanzen als Lebensraum dient. Schon kurz nach der Einrichtung der Weide waren Laubfrösche an den Tränkteichen zu hören, mittlerweile wurden auch Kammmolche und Gelbbauchunken nachgewiesen. Die grauen Ringelnattern mit ihren typischen Halbmondflecken hinten am Kopf, wissen nicht nur das Angebot an Wasser zu schätzen, sondern freuen sich auch über die Amphibien… An lichtliebenden Vogelarten wurden bisher unter anderem Gartenrotschwanz, Fitis, Grauspecht, Star und Mittelspecht zu beobachten, und auch der Sperlingskauz hat sich inzwischen angesiedelt, berichtet Winfried Seitz, der für diesen Bereich zuständige Forstrevierleiter des Kreisforstamts Böblingen. Bis Sommer 2025 wurden 12 der 13 im Stadtwald Herrenberg nachgewiesenen Fledermausarten auf der Fläche gefunden, darunter die vom Aussterben bedrohte Mopsfledermaus. Verschiedene Schmetterlinge wie der Große Schillerfalter, der Silberfleck-Perlmutterfalter und der Trauermantel profitieren von den lichten Strukturen. Die Eichen bieten Lebensraum für Hirschkäfer und Großen Rosenkäfer, in Dunghaufen konnte der Suchende Dungkäfer nachgewiesen werden, und in den Tränkteichen der stark gefährdete Kolbenwasserkäfer.

Eine Bereicherung für die Waldbesucher

Neben der hohen Bedeutung für spezialisierte Tier- und Pflanzenarten und der daraus resultierenden Biodiversität stellt die Waldweide aber insbesondere für die Besucher des Stadtwalds Herrenberg im Naturpark Schönbuch eine Bereicherung dar und bietet rund um’s Jahr immer wieder unterschiedliche Eindrücke. „Eine Waldweide ist auch eine Augenweide“, so Reinhold Kratzer, der als damaliger Leiter des Kreisforstamts Böblingen das Waldweideprojekt initiierte.
Auf den rund 8,5 ha Waldweidefläche haben die Galloways viele Möglichkeiten, sich je nach Witterung und Tageszeit aufzuhalten und auch kleinere Bereiche, in denen sie von Waldbesuchern nicht gesehen werden können. Der weitaus größte Teil der Fläche ist aber aufgrund der günstigen örtlichen Gegebenheiten von den Waldwegen Kayhertalsträßle, Ludwig-Volz-Sträßle und Urschelrainweg aus einsehbar.
Kreative Infotafeln informieren die Besuchenden über die Auswirkungen dieser Form der Waldbewirtschaftung. Ein aufklappbarer Kuhfladen beispielsweise bietet Einblick in das Leben verschiedener Dungkäfer und anderer im Dung lebenden Organismen. Der barrierearme Zugang zur Waldweide und der ebenfalls barrierearm gestaltete „Infosteg“ ermöglicht Waldbesuchenden das Erleben der Waldweide und der darin lebenden Tiere.

Ort für Forschung und Lehre

Die Waldweide ist Gegenstand wissenschaftlicher Untersuchungen, es laufen Kooperationen mit der HFR Rottenburg, der Uni Hohenheim, der Uni Tübingen und der FVA Freiburg. Zurzeit (Juli 2025) läuft eine Bachelorarbeit zur Vegetationsentwicklung sowie eine Masterarbeit zu Amphibien und weiteren Bewohnern der Tränkteiche. Eine Bachelorarbeit über die auf der Fläche lebenden Schmetterlinge ist in Planung.
Zudem finden regelmäßig Exkursionen verschiedenster Gruppen an der Waldweide statt.

Finanzielle Unterstützung

In diesem Jahr (2025) werden die Kosten für die Beweidung durch die Bernhard-Veil-Stiftung gedeckt. Die Gelder für die Haltung der Rinder und Ziegen werden notwendig, weil dem Tierhalter für den Transport, die mehrmals wöchentlich notwendigen Kontrollen und sonstigen Maßnahmen für das Tierwohl auf der Waldweide ein erhöhter Aufwand entsteht. Wir bedanken uns für die Unterstützung!

So kommen Sie zur Waldweide

Wenn Sie die Waldweide besuchen wollen, können Sie dies vom Parkplatz des Schönbuchturms bzw. des Waldfriedhofs Herrenberg aus tun, indem Sie das Sommertalsträßle bis zur Freßeiche in Richtung Neue Brücke / Bebenhausen hinunterlaufen (ca. 3 km Fußweg).
Deutlich näher ist es vom Wanderparkplatz „Mönchberger Sattel“ oberhalb von Mönchberg aus. Von dort kommen Sie, dem Kayhertalsträßle in Richtung Neue Brücke / Bebenhausen folgend, bereits nach gut einem Kilometer zur Waldweide.
Die Land.Tour 9 „WaldWeide“ der Tourismusinitiative Schönbuch-Heckengäu führt zur Waldweide (1,5 km) bzw. in einer Rundwanderung einmal darum herum (5 km). Der Weg startet am Mönchberger Sattel und führt barrierearm bis zur Waldweide. Dort warten der barrierefreie Infosteg und die Plattform. Sie finden die Wanderung in unserem Tourenplaner und auf den Schönbuch-Heckengäu-Seiten.

 

Hier können Sie einen schönen Artikel über die Waldweide als pdf-Datei herunterladen (Autorin Julia Schenkenberger, erschienen in NATURSCHUTZ und Landschaftsplanung 2020).