Ein Herz für Amphibien

Wer schon einmal mit Förster Winfried Seitz im Revier Haslach im Stadtwald Herrenberg unterwegs war, wird bestätigen, dass sein Herz für Tiere schlägt, die eher ein Leben im Verborgenen führen und bei manchen Menschen nicht unbedingt zu den Sympathieträgern gehören. Aber der Begeisterung von Seitz kann man sich nicht entziehen, wenn er erst mal ins Plaudern über Amphibien kommt – und wer sagt eigentlich, dass eine Gelbbauchunke nicht auch Sympathieträgerin sein kann? Immerhin hat sie Pupillen in Herzform.

Weltweit sind Amphibien stark im Rückgang, aber im Naturpark Schönbuch finden sie noch relativ gute Lebensbedingungen. Hauptgefährdungsursachen, wie die Zerschneidung des Lebensraums durch Straßen und der Eintrag von Düngemitteln in die Gewässer, sind hier minimiert. Daher ist die Bandbreite an verschiedenen Amphibienarten noch immer sehr hoch. Mindestens 14 Arten wurden im Schönbuch nachgewiesen, darunter Gelbbauchunke, Laubfrosch, Kammmolch, Teichfrosch & Kleiner Wasserfrosch, Fadenmolch und Feuersalamander.
Doch das ist kein Grund für Winfried Seitz, die Hände in den Schoß zu legen. Denn ein zentrales Problem der Amphibien in Deutschland tritt auch für das Gebiet im und rund um den Schönbuch zu: Es gibt kaum noch Kleingewässer. Daher sucht Seitz nach Möglichkeiten, die Lebensräume für Amphibien zu verbessern. Seit 2017 hat Seitz mit dem Förderprojekt „Impulse für die Vielfalt“ von LUBW und EnBW im Stadtwald Herrenberg gut 70 Biotope neu angelegt oder saniert. Dabei sind Amphibien durchaus wählerisch: Droht ein Tümpel zu verlanden oder wird er zu stark beschattet, eignet er sich für viele Arten nicht mehr als Laichgewässer und wird verlassen.


Gelbbauchunken

Besonders hohe Ansprüche hat die Gelbbauchunke (Bombina variegata). Als klassische Pionierart und kommt sie mit neu entstandenen Pfützen, in denen noch kaum Verstecke und Pflanzen zur Verfügung stehen, wunderbar klar. Ursprünglich hat die Art in den Auen von Fließgewässern gelaicht. Durch den schwankenden Wasserpegel entstanden fortlaufend neue Kleingewässer und Pfützen. Doch eine solche Gewässerdynamik gibt es heute in Mitteleuropa kaum noch, Auen sind eine Seltenheit - und die Unken daher auf sogenannte Sekundärhabitate angewiesen.

Sehr beliebt sind bei der Gelbauchunke die bei der Holzernte entstehenden Fahrspuren auf den Rückegassen. Ungefähr 99% der Jungunken im Wald stammen aus frischen Fahrspuren. Da Waldbesuchende solche Habitate aber nicht besonders ansprechend finden, wurden Informationstafeln entwickelt, die auf deren Nutzen für die Gelbbauchunken hinweisen.

Doch bereits ein Jahr nach Entstehung eines Gewässers ist der Fressdruck für den Unkenlaich und die Kaulquappen durch Libellenlarven, Wasserkäfer, Molche und andere Jäger so hoch, dass kaum noch eine Unken‐Kaulquappe ihre Metamorphose abschließen kann. Die Weibchen müssen für die Laichablage eine neue Wasserstelle suchen. Doch an diesem Punkt stoßen die Amphibien auf ein Problem, denn sie können nur begrenzte Strecken zurücklegen.

Kammmolche

Für Molche gilt beispielsweise ein Wanderradius von nur ca. 500 Metern. Daher berücksichtigt Seitz auch den Aspekt der „Trittsteine“ bei seinen Bemühungen um Frosch, Kröte und Co. Liegen zwei potentielle Laichgewässer zu weit auseinander, dann muss ein „Zwischengewässer“ angelegt werden. Erst durch eine solche Vernetzung haben die Amphibien eine reelle Chance, ihre Populationen zu stabilisieren.

Kammmolche (Triturus cristatus) sind die größten in Deutschland heimischen Molche. Männchen erreichen 12, Weibchen sogar 18 cm Körperlänge. Namensgebend ist der hohe Rückenkamm, den die Männchen im Wasser zur Schau tragen. Kammmolche mögen besonnte, größere Gewässer (oft über 150 Quadratmeter Oberfläche und über 50cm tief). Sie schätzen eine gewisse Unterwasservegetation und verstecken sich gerne am Boden zwischen Wurzeln, Steinen und ähnlichem. Während andere Molcharten nur für wenige Wochen während der Laichzeit in ihren Tümpeln anzutreffen sind, halten sich Kammmolche sehr lange im Gewässer auf, manche bleiben sogar das ganze Jahr dort. Triturus cristatus kann nur dort größere, stabile Popultionen aufbauen, wo es viele Gewässer gibt. Kleine Restpopulationen in Einzelteichen sterben dagegen oft sehr plötzlich aus.

Wie die meisten Amphibien sind sie sehr empfindlich gegen Fischbesatz - wo Fische auftauchen, und wenn es "nur" die kleinen Dreistachligen Stichlinge sind, können sich Amphibien kaum noch vermehren. Anders als Gebbauchunken fühlen Kammmolche sich in permanenten Gewässern eigentlich durchaus wohl. Trotzdem kommen sie besonders gut zurecht, wenn das Gewässer alle paar Jahre einmal trockenfällt - denn dadurch werden eventuell vorhandene Fische wieder eliminiert.

Unsere dringende Bitte: Setzen Sie keine Fische oder anderen Tiere in Gewässer irgendwo in der Landschaft aus!

Falls Sie einen Gartenteich Ihr Eigen nennen oder einen anlegen möchten, tun Sie den Amphibien und sonstigen Wasserlebewesen auch dort etwas Gutes, wenn Sie darauf verzichten, Fische einzusetzen.

1989 konnten weder Laubfrosch noch Kammmolch im Stadtwald Herrenberg nachgewiesen werden. Mittlerweile kommen beide Arten wieder vor.

Laubfrösche

Quakegrün, mit glatter Haut, braunem Streifen von der Nase bis zur Hüfte und Saugnäpfen an den Fingern - das ist der Laubfrosch. Hyla arborea ist der einzige Baumfrosch, der in Deutschland vorkommt und kann ausgezeichnet klettern, ja, er springt sogar von Ast zu Ast. Er schätzt Hecken, besonders gerne mag er sonniges Brombeergestrüpp. Dort sind die kleinen Tiere nur schwer zu entdecken, da sie oft eng an die Zweige oder Blätter gedrückt ruhen und dank spezieller Farbzellen ihre Farbe an den Untergrund anpassen können. Hell- oder dunkelgrün, gelblich, grau oder eher braun - alles ist möglich.

Im Wasser hält er sich nur während der Laichzeit auf, dann blasen die Männchen nachts ihre Kehlen auf und rufen mit wirklich lauter Stimme nach weiblicher Begleitung. An dieser Kehlblase kann man die Geschlechter gut unterscheiden: Da den Damen die extraweite Haut fehlt, ist ihre Kehle hell und glatt. Bei den Herren wirkt die Kehle dagegen wegen der vielen Falten deutlich dunkler.

Laubfrösche schätzen größere, flache Gewässer, die gut besonnt sind und sich daher rasch erwärmen. In warmem Wasser können die Kaulquappen sich schneller entwickeln und die gefährliche Larvenzeit rasch abschließen. Daher ist es wichtig, Laubfroschgewässer regelmäßig von aufkommenden Sträuchern, Weiden und anderen Gehölzen zu befreien, die das Wasser beschatten. Für ihren Landlebensraum brauchen die Frösche dagegen hochwüchsige Pflanzen. An windgeschützten, sonnigen Stellen verstecken sie sich zwischen den Blättern im Schilfgürtel, in Hochstaudenfluren, Hecken und gebüschreichen Waldrändern.

Im Stadtwald Herrenberg konnten erst im Jahr 2000 wieder Laubfrösche nachgewiesen werden. Seither konnte der Bestand deutlich anwachsen - dank der Neuanlage von Laichgewässern. In den vergangenen fünf Jahren haben sie an ungefähr 20 Stellen im Stadtwald Herrenberg gerufen! Sämtliche Laubfroschnachweise gelangen in extra zur Förderung von Amphibien angelegten Habitaten.

Das Projekt zur Lebensraumverbesserung für Amphibien im Stadtwald Herrenberg wird derzeit (2022) wissenschaftlich durch eine Doktor- und eine Masterarbeit der Universität Hohenheim begleitet. Und die bisherigen Erfolge können sich sehen lassen. Neben den Amphibien, von denen hier beispielhaft Laubfrosch, Kammmolch und Gelbbauchunke herausgegriffen wurden, profitieren von den Maßnahmen auch andere Tiere, wie beispielsweise Libellen, die wasserliebende Ringelnatter und Fledermäuse, die über den Wasserflächen einen gedeckten Tisch vorfinden.


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