Anti-Aging-Kur für den Herrenberger Stadtwald

Eichen-Naturverjüngungen in vollem Gange

So groß wie 2.800 aneinandergereihte Fußballfelder: Knapp 2.000 Hektar Waldfläche machen den Herrenberger Stadtwald zum drittgrößten Kommunalwald im Regierungsbezirk Stuttgart. Vor allem Buchen, aber auch Fichten und die klimatoleranten Eichen bilden dabei den Hauptbestandteil der grünen Lunge Herrenbergs, welche Klimaschutz, Wirtschaftszweig und Naherholungsgebiet zugleich ist.

Das saftige Grün und die Stämme der verschiedenen Bäume prägen das idyllische Bild des Mischwaldes in Herrenberg. Deutschlandweit ist die Zukunft des Waldes ein mediales Thema, tausende Hektar warten auf eine klimagerechte Wiederbewaldung Deshalb bekommt auch der Herrenberger Stadtwald eine Anti-Aging-Behandlung. Oder, wie es korrekt heißt: Eine sogenannte Eichen-Naturverjüngung findet statt. „Dabei wird die klimatolerante, ökologisch und ökonomisch wertvolle Baumart Eiche, deren momentaner Anteil im Stadtwald Herrenberg bereits in Höhe von 22 % erhalten ist und erhöht werden soll, bevorzugt kultiviert“, erklärt Winfried Seitz, der Leiter des Forstreviers Haslachs. „So verjüngt sich der Wald, wird auf Dauer resistenter und kann sich dadurch den sich ändernden Umständen, wie steigenden Temperaturen und Trockenheit, anpassen“, hofft Seitz. Das ist auch angesichts der vielen Funktionen des Herrenberger Stadtwaldes wichtig: Neben Klimaschutz ist er zugleich ein wichtiger Wirtschaftszweig und als Naherholungsgebiet ein beliebtes Ziel für die Menschen aus der Region.

Gute Bedingungen für junge Eichen

Damit die Verjüngung des Stadtwaldes bestmöglich von statten gehen kann, müssen einige Voraussetzungen erfüllt sein; so sind beispielsweise lichte Flächen das A und O für die Lichtbaumart Eiche. Beim Naturverjüngungs-Prozess entsteht dann mit dem Samen der umstehenden Bäume ein Nachwuchs-Bestand durch die Natur selbst – vorausgesetzt, dass das Wild die jungen Pflanzen nicht verbeißt. „Hierbei ist es wichtig, die Wildbestände so zu regulieren, dass die Hauptbaumarten gehalten und verjüngt werden können“, erläutert Seitz. „Ansonsten wäre eine Verjüngung nur hinter Zäunen oder in Wuchshüllen möglich“. Das wiederum wäre nicht nur sehr teuer, sondern auch enorm aufwändig. Daher beinhalten die Jagdpachtverträge und Zielvereinbarungen der Stadt Herrenberg mit den Jagdpächtern, dass so gejagt werden muss, dass sich die Hauptbaumarten ohne Schutz verjüngen können. Im September 2019 konnten die Herrenberger Gemeinderätinnen und Gemeinderäte bei deren jährlichem Waldbegang im Haslacher Wald eine solche Eichen-Naturverjüngungsfläche bereits begutachten.

Ökonomisch, ökologisch und sozial

Die inzwischen immer intensiver vorangetriebene Naturverjüngung des Herrenberger Stadtwaldes kommt dabei all seinen vielen Facetten zugute, die sich in drei zusammenfassen lassen: der ökonomischen, der ökologischen und der Sozialfunktion des Waldes. Der Wirtschaftszweig Wald zeigt sich so unter anderem in der Produktion des CO2-neutralen Baustoffs und Energieträgers Holz, mit dessen Verkauf die Stadt Einnahmen generiert. Dass zurzeit deutlich weniger Holz genutzt wird als zuwächst, macht die Waldbewirtschaftung des Stadtwalds zudem noch nachhaltiger. Denn der Wald ist zentral für eine gesunde Umwelt und leistet einen wesentlichen Teil zum Klimaschutz: Im Holz der Bäume wird CO2 gespeichert, der Rohstoff selbst kann klimaneutral weiterverwendet werden. Da die Wälder unter den immer weiter zunehmenden Folgen des Klimawandels, wie Stürmen, Orkane oder Trockensommern leiden, wird der Stadtwald Herrenberg zu einem stabilen, klimatorelanten Mischwald umgebaut – und das schon seit über 30 Jahren. „Insbesondere die Naturverjüngung spielt hier eine wichtige Rolle, um unseren Stadtwald rechtzeitig klimafit zu bekommen“, so Seitz.

Über einen gesunden Wald freuen sich nicht nur die dort lebenden Pflanzen und Tiere, wie beispielsweise die Amphibien. Während landesweit Arten wie Laubfrosch, Kammmolch oder Gelbbauchunke abnehmen, scheinen sie sich im Herrenberger Stadtwald dank dessen Amphibienschutzes besonders wohlzufühlen: Die Bestände nehmen zu und auch Waldbesucher können im Sommerhalbjahr an verschiedenen Teichen und Tümpeln deren Konzerten lauschen. Ein besonderes Beispiel, bei dem alle drei Funktionen des Waldes ineinandergreifen, ist die seit 2019 bestehende Waldweide im Stadtwald Herrenberg. Sie ist ökologischer Hotspot für Vögel, Insekten oder Reptilien und eine historisch bedeutende Waldbewirtschaftungsform: Ungefähr so haben große Teile des Schönbuchs in vergangenen Jahrhunderten ausgesehen. Darüber hinaus ist sie ein beliebter Besuchsort und trägt zum Wald als einem aktiven Erholungsraum für die Bevölkerung bei. Ob Bänke, Grillstellen, Infotafeln, Aussichtspunkte oder Waldführungen: Im Herrenberger Stadtwald gibt es einiges zu entdecken und zu erleben.

10-Jahres Plan und Bürgerbegehung

Damit das so bleibt, muss auch langfristig geplant werden: „Alle zehn Jahre wird eine Zustandserfassung des Herrenberger Waldes in Form einer Betriebsinventur durchgeführt, deren Daten dann Basis für die Planung der Maßnahmen in den nächsten zehn Jahre im Stadtwald sind“, erklärt Forstrevierleiter Seitz. Der aktuelle Planungszeitraum ist 2017 gestartet und geht noch bis zum Jahr 2026. Fünf Forstwirte kümmern sich dabei um den Stadtwald und die Ausbildung der derzeit vier Forstwirt-Azubis und eines Forstwirtschaftmeisters. Zuständig für die kreisweit einzigartige Ausbildung ist dabei Stefanie Knorpp, die neben Winfried Seitz als Leiterin des Forstreviers Herrenberg im Stadtwald tätig ist.

Und auch Bürgerbeteiligung gehört beim Herrenberger Stadtwald mit dazu: Zu Beginn der Forsteinrichtungs-Planungen für den Zehnjahreszeitraum wurde Anfang 2016 eine Bürgerinformationsveranstaltung in der Stadthalle durchgeführt, bei der die Herrenbergerinnen und Herrenberger ihre Vorstellungen zur Bewirtschaftung des Stadtwalds einbringen konnten. Und einbringen, das können sich die Bürgerinnen und Bürger auch in diesem Jahr: In Form eines „Bürgerwaldbegangs“ haben Interessierte im Sommer die Möglichkeit, ihren Herrenberger Wald einmal näher kennenzulernen. Der Termin steht schon fest: Am Freitag, 11. Juni 2021 geht es um 17.15 Uhr am Parkplatz des Naturfreundehauses los. Weitere Informationen und Details zur Anmeldung finden Sie demnächst im Online-Kalender.